← Alle Beiträge

Jan Neruda

Sights and history · 11. Februar 2024 · 4 Min. Lesezeit

Jan Neruda

Jan (Nepomuk) Neruda (geboren am 9. Juli 1834 in Prag, gestorben am 22. August 1891 in Österreich) war ein böhmischer Journalist und Schriftsteller.

Leben Neruda wurde in der Prager Kleinseite, in der steilen Sporner-Straße Nr. 233/47 im „Haus der zwei Sonnen“, als Sohn eines kleinen Kaufmanns geboren. Seine Mutter Barbora Nerudová (1795–1869) war lange Zeit Haushälterin des berühmten Geologen Joachim Barrande, nach dem der Stadtteil Barrandov benannt ist. Die Sporner-Straße wurde später zu seinen Ehren in Nerudova-Straße umbenannt. Jan Neruda verbrachte dort – mit Unterbrechungen – fast sein ganzes Leben. Obwohl er aus bescheidenen Verhältnissen stammte, schloss er 1845 das akademische Gymnasium ab und studierte einige Semester an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität in Prag, wo er zeitweise als Lehrer und für Zeitungen tätig war. Ab 1856 arbeitete er für die deutschsprachige Tageszeitung aus Böhmen, von 1865 bis 1891 war er Redakteur der bedeutenden liberalen tschechischen Zeitung „Národní listy“, später bei „Bilder der Heimat“ (Obrazy domova) und „der Zeit“ (Čas). Er war Mitbegründer der Literaturzeitschriften „Květy“ und „Lumír“ sowie der Gedichtreihe „Poetické besedy“. Seit Ende der 1950er Jahre stand er im Zentrum des tschechischen Kulturlebens, doch in den 1980er Jahren, nachdem er schwer erkrankt war, geriet er zunehmend in die Isolation und hatte mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Im Laufe seines Lebens verfasste Jan Neruda mehr als 2.000 Leitartikel, veröffentlichte Gedichte, Theaterstücke, Reiseberichte und Kunstkritiken, sympathisierte mit der Künstlergruppe der „Májovci“, fühlte sich der Aufgabe der tschechischen nationalen Wiedergeburt verbunden und schätzte die Romane seines Zeitgenossen Jules Verne. Im Jahr 1871 wurde er von unbekannten Instanzen als Verräter der Nation bezeichnet, verließ Prag und reiste durch andere Länder des Österreichisch-Ungarischen Reiches, kam nach Wien und Graz und gelangte, wie er selbst berichtete, nach Deutschland, Frankreich, Ungarn, Italien, Griechenland und Ägypten. Seine Reiseberichte aus dieser Zeit liefern ein interessantes Zeugnis seines Lebens und der damaligen Gesellschaft.

Jan Neruda blieb unverheiratet, widmete jedoch viele seiner Liebesgedichte seiner ersten Liebe, Anna Holinová. Eine weitere Liebe war die verheiratete Schriftstellerin Karolína Světlá, die er als ideale Frau beschrieb. Seine dritte Ehefrau, die er liebte und der er mehrere seiner Veröffentlichungen widmete, war Terezie Marie Macháčková (1847–1863), Tochter des Beamten und Politikers Josef Macháček, die jedoch bereits nach kurzer Bekanntschaft verstarb. Im Alter von 50 Jahren soll er sich in ein junges Mädchen namens Božena verliebt haben.

Da sich Neruda sein ganzes Leben lang missverstanden fühlte, entwickelte er eine ablehnende Haltung gegenüber seinen Mitmenschen, die durch eine schwere Krankheit noch verstärkt wurde. Er hatte Alkoholprobleme und lebte sein ganzes Leben lang unter schwierigen finanziellen Verhältnissen.

Armut ist ein wiederkehrendes Motiv in allen Veröffentlichungen von Jan Neruda. Nostalgische, verklärende Elemente wechseln sich ab mit dem Gefühl der Unterdrückung, Entfremdung und des lebendigen Begrabenwerdens. Ab den 1860er Jahren veröffentlichte er mehrere antijüdische Texte, und in der Schrift „Die Angst vor dem Judentum“ (Pro strach židovský) (1869), die auf Richard Wagners Aufsatz „Das Judentum in der Musik“ basierte, beschuldigte Neruda die Juden, aufgrund ihrer angeblichen Verbundenheit mit dem Geld – einer gefährlichen Macht, die die ganze Welt bedrohte – Kriminelle zu sein, rief die Völker dazu auf, sich enger gegen diese (vor allem wirtschaftliche) „Gefahr“ zu vereinen, und plädierte für eine „Emanzipation vom Judentum“.

Der chilenische Literaturnobelpreisträger Neftali Ricardo Reyes Basualto wählte den Nachnamen seines Pseudonyms Pablo Neruda in Gedenken an Jan Neruda.

Jan Neruda führte eine besondere Art von Realismus in die tschechische Literatur des 19. Jahrhunderts ein. Sein selbstbewusstes journalistisches Engagement brachte er – auf sehr moderne und universelle Weise – mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Vor allem müssen wir lernen, die Menschen zu verstehen, ihre Bedürfnisse, ihre Freuden und ihr Leid. Deshalb brauchen wir vor allem authentische Geschichten aus dem Leben, Momentaufnahmen von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, Sammlungen wahrer Lebensgeschichten – Beispiele für unvorstellbare und doch reale Erfahrungen.“

Arbeit (Übersicht)

  • Neruda verfasste Gedichte, Reiseberichte, Balladen, Romane, Kunstkritiken, aber auch gescheiterte Theaterstücke. Als gesammelte Werke wurden sie zuletzt ab 1950 vom Institut für tschechische Literatur und Literaturwissenschaft der Karlsuniversität in Prag in 49 Bänden herausgegeben. Im Buchhandel nicht erhältlich.
  • Friedhofsblumen. Gedichte auf Tschechisch, 1858.
  • Als Journalist ist Jan Neruda auch als Begründer der böhmisch-tschechischen Spielfilmrubrik bekannt. Im Jahr 1863 brachte er Jules Vernes Buch „Fünf Wochen im Ballon“ aus Paris mit. Er dürfte es als eine Kuriosität angesehen haben, die es wert war, weitergegeben zu werden, und übersetzte es unter dem Pseudonym J. Drn.
  • Fotos aus dem alten Prag, Tschechien: „Arabesky a Jiné“. 1864, deutsch 1883/84, aktuelle Ausgabe: „Geschichten aus dem alten Prag“, Reclam, Stuttgart 1992, ISBN 3-15-008770-8, übersetzt von Josef Mühlberger und Hans Gärtner.
  • Geschichten aus der Kleinseite, tschechisch: „Povídky malostranské“ 1877, deutsch 1885; aktuelle Ausgabe übersetzt von Franz Jurenka, Vitalis, Furth im Wald 2005, ISBN 3-89919-016-5. Mit einem Nachwort von Hugo Rokyta und Illustrationen von Karel Hruška. Die Geschichten aus der Kleinseite sind Jan Nerudas bekanntestes Werk. Ausgehend von seinen Erinnerungen zeichnete er ein Bild der Prager Kleinseite vor dem Slawenkongress und dem Prager Pfingstaufstand vom 2. bis 19. Juni 1848, den er als 14-Jähriger miterlebte, und beschreibt das Leben der unteren Mittelschicht. Er schildert humorvoll die Besonderheiten dieser Gesellschaftsschicht zwischen Palästen und Hinterhöfen, kritisiert das von Feudalismus geprägte lokale Leben und gewährt Einblicke in die Anfänge des Panslawismus.
  • Anstößige und beleidigende Witze, auf Tschechisch, 1877.
  • Kosmische Lieder, auf Tschechisch, inspiriert durch die Lektüre des Schriftstellers Jules Verne, 1878.
  • Lieder zum Karfreitag, auf Tschechisch, 1896.
  • Die Hunde von Konstantinopel: Reisefotos, DVA Stuttgart 2007, ISBN 978-3-421-05254-4, übersetzt von Christa Rothmeier (Tschechische Bibliothek).

Einige seiner Bücher enthalten Illustrationen des sehr berühmten tschechischen Illustrators Adolf Kašpar.

Stadtführung finden